Dinge loslassen – wie ich nach 35 Jahren Haushalt lerne, weniger zu sein

Dinge loslassen lernen

Drei Worte. Klingt nach einem Ratgeber aus dem Wellness-Regal. Klingt nach Achtsamkeit, Tee und einem aufgeräumten Wohnzimmer in einem Instagram-Post. Ist es aber nicht.

Zumindest nicht für mich.

Ich bin 56 Jahre alt. Und ich habe — wie wohl die meisten Menschen in meinem Alter — ein Leben lang Dinge angesammelt. Nicht weil ich ein Messie bin. Sondern einfach weil man Dinge kauft, behält, vergisst und irgendwann einen Keller, Schränke und Regale hat die randvoll sind mit Zeug das man nicht mehr anfasst.

In etwa zwölf Monaten wandere ich nach Kambodscha aus. Was ich mitnehme, passt in zwei Koffer. Was das bedeutet — das merke ich gerade jeden Tag ein bisschen mehr.

Wo das alles angefangen hat

Mann steht vor großer Sammlung aus Videospielen, Konsolen und Technik in einem vollgestellten RegalzimmerIch bin jemand der Hobbys intensiv betreibt. Wenn ich etwas mache, dann richtig. Und das hat über die Jahre Spuren hinterlassen.

Videospiele zum Beispiel. Ich habe eine Sammlung aufgebaut die sich gewaschen hat. Tausende von Spielen. Quer durch alle Generationen. Nintendo, PlayStation, Xbox — verschiedene Konsolen, viele Spiele, noch mehr Zubehör. Nicht planlos, sondern mit Leidenschaft. Ich habe Dinge gesucht die ich wollte, gefunden, gekauft, aufgebaut.

Und dann kam der Punkt wo ich vor diesen Regalen stand und dachte: Wann habe ich das letzte Mal irgendetwas davon wirklich benutzt?

Die ehrliche Antwort: Ich weiß es nicht mehr genau. Irgendwann ist das Sammeln wichtiger geworden als das Spielen selbst. Das passiert. Niemand merkt es wenn es passiert. Man merkt es erst wenn man vor dem ganzen Kram steht und sich fragt was das eigentlich alles soll.

Dazu dann noch Technik. Kameras, Gadgets, Kabel die zu Geräten gehören die ich schon lange nicht mehr habe. Zubehör für Dinge die es gar nicht mehr gibt. Ladegeräte deren Gerät längst weg ist. Das kenne wahrscheinlich nicht nur ich.

Dinge loslassen – Der Moment wo es ernst wurde

Mann packt Videospiele und Konsolen in Umzugskarton während er seine Sammlung aussortiertIch hatte schon länger gewusst dass die Auswanderung kommt. Kambodscha, dauerhaft, in einem Jahr. Der Plan war klar.

Aber solange man nicht anfängt, ist es abstrakt.

Der Moment wo es konkret wurde war als ich zum ersten Mal an einem Regal mit Spielen stand, eine Kiste auf den Boden gestellt habe und angefangen habe zu sortieren. Was geht weg. Was kommt mit. Was ist wirklich wichtig.

Das erste Regal hat zwei Stunden gedauert. Nicht weil so viel drin war. Sondern weil man bei jedem dritten Spiel kurz hält. Das habe ich damals mit einem Freund gespielt der seit Jahren in einer anderen Stadt lebt. Das hier war mein erstes richtiges Rollenspiel. Das da habe ich zwanzig Stunden in irgendeinem Urlaub durchgespielt und danach das Gefühl gehabt, irgendetwas Wichtiges erlebt zu haben.

Objekte tragen keine Erinnerungen. Das sagen alle die über Dinge loslassen schreiben. Und irgendwie stimmt das. Aber es fühlt sich nicht so an wenn man das Spiel in der Hand hält.

Wie der Verkauf läuft – und was ich bei Dinge loslassen gelernt habe

Versandkartons, Videospiele und Laptop mit Verkaufsübersicht beim Verkauf einer Spielesammlung über eBayIch verkaufe fast alles über eBay, ausschließlich als Sofortkauf. Keine Auktionen, keine Preisverhandlungen. Wer kaufen will kauft, wer nicht will scrollt weiter. Das hat sich als die richtige Entscheidung herausgestellt — ich habe nicht die Energie für stundenlanges Hin-und-her über drei Euro Rabatt.

Was ich nicht erwartet hatte: wie gut das läuft.

Spiele gehen weg. Konsolen gehen weg. Technik geht weg. Ich bin inzwischen bei einem Betrag der mir zeigt, dass man mit dem was jahrelang in Regalen stand tatsächlich ernsthaft Geld machen kann. Geld das direkt in meinen Auswanderungspuffer fließt. Die Spielesammlung finanziert also ein Stück weit den Neustart in Kambodscha — das hat eine gewisse Ironie die ich mag.

Sperrige Sachen die ich nicht verschicken kann, wie ein Fitnessbike, gehen über Kleinanzeigen zur Abholung. Einmal einstellen, Käufer kommt, weg.

Was ich anderen empfehlen würde: früher anfangen als man denkt. Ich habe jetzt einen Rhythmus aber die ersten Wochen waren chaotisch. Alles auf einmal angehen wollen funktioniert nicht. Zimmer für Zimmer, Kategorie für Kategorie — das ist die einzige Art wie es wirklich läuft.

Was Dinge loslassen emotional kostet

Fast leeres Zimmer mit Umzugskartons und Mann der ruhig aus dem Fenster blicktHier wird es ehrlich.

Es gibt einen Unterschied zwischen dem Wissen dass man etwas loslassen sollte und dem Gefühl dabei.

Ich habe Dinge verkauft und dabei gar nichts gefühlt. Kabel, Zubehör, irgendwelcher Kram der sich über Jahre angesammelt hat. Weg, gut, fertig.

Und dann gibt es die anderen Momente.

Ein Spiel das ich mit jemandem gespielt habe der nicht mehr in meinem Leben ist. Eine Konsole die mich an eine Zeit erinnert die längst vorbei ist. Ein Technik-Gerät das ich damals mit großer Begeisterung gekauft habe weil ich dachte, ich würde es immer benutzen.

Man verkauft nicht nur das Objekt. Man verabschiedet sich von der Version von sich selbst die dieses Objekt mal wichtig fand.

Das klingt nach zu viel des Guten. Ich weiß das. Aber genau so fühlt es sich manchmal an. Nicht dramatisch, nicht lähmend. Einfach — da.

Was am Ende bleibt

Je mehr Dinge gehen, desto klarer wird der Kopf. Das hätte ich mir vor ein paar Monaten nicht so vorgestellt.

Ich dachte, das Loslassen würde hauptsächlich wehtun. Stattdessen merke ich, dass jedes Regal das sich leert, jede Kiste die das Haus verlässt, den Raum schafft für das was wirklich kommt.

Die Wohnung wird lichter. Der Gedanke an Kambodscha wird konkreter. Die Auswanderung hört auf, ein Plan zu sein, und fängt an, Realität zu werden.

Das ist keine Romantisierung. Das ist einfach wie es sich anfühlt wenn man wirklich anfängt, loszulassen — nicht als Konzept, sondern als Handlung. Schachtel für Schachtel, Regal für Regal, Spiel für Spiel.

Wer selbst gerade dabei ist, sein Leben zu sortieren — nicht unbedingt wegen einer Auswanderung, vielleicht einfach weil es Zeit ist — dem empfehle ich den Artikel über den Unterschied zwischen Midlife Crisis und echtem Wandel. Manchmal ist das Loslassen von Dingen nur der sichtbare Teil von etwas das viel tiefer geht.

In zwölf Monaten gehe ich. Und ich werde nichts davon vermissen.

Na gut. Fast nichts.

Infografik über Dinge loslassen lernen, Minimalismus und Neustart vor einer Auswanderung

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